Wird geladen...

Gasmarkt: Der große Wintercheck

Wieder beginnt ein Winter ohne russisches Erdgas. Müssen wir Deutschen auch dieses Jahr die Heizung dimmen? Weiter lau oder kalt duschen? Für hohe Heizrechnungen blechen? Und was macht das knappe Gas mit der Industrie?

Zunächst die gute Nachricht: Die Versorgung mit Erdgas ist in diesem Winter bei Weitem nicht so gefährdet wie im letzten Jahr. Experten sehen die Lage auf dem Gasmarkt viel gelassener. Deutschland ist nicht übermäßig, aber ausreichend mit Erdgas versorgt, die Lage bei den Preisen entspannter. „Wir sind besser vorbereitet als im letzten Jahr“, sagt Sebastian Heinermann, Geschäftsführer der Initiative Energien Speichern (INES), dem Verband der Gas- und Wasserstoffspeicher-Betreiber in Berlin.

Für eine Entwarnung beim Gas ist es noch zu früh

Aber der Experte mahnt auch: „Wir haben immer noch eine knappe Versorgung. Energiesparen ist und bleibt wichtig!“ Und es gibt Risiken. Für eine Entwarnung ist es noch zu früh.

Also, wie ist die Lage beim Gas? aktiv beantwortet die zehn wichtigsten Fragen.

Welche Risiken bestehen bei der Gasversorgung?

In Zeiten wie diesen genug. Im Oktober legte ein Leck die Gaspipeline von Finnland nach Estland lahm. Gregor Pett, Chefanalyst des Gasimporteurs Uniper in Düsseldorf, schließt so etwas für Pipelines nach Deutschland nicht völlig aus. Das wirke sich sofort aus. Als im August beim Gasexporteur Australien Arbeiter mit Streik drohten, seien die Preise in Europa „in wenigen Tagen um ein Viertel bis ein Drittel gestiegen“, obwohl die Gastanker weiter beladen wurden und losfuhren. „Passieren mehrere Dinge gleichzeitig und kommt kaltes Wetter hinzu, haben wir rasch Probleme“, sagt der Experte, dessen Unternehmen 2022 durch den russischen Lieferstopp in Schwierigkeiten geriet.

Aber wir haben doch gefüllte Gasspeicher. Wie lange reichen die?

Mit starken 96 Prozent Füllstand ist Deutschland in den Dezember gestartet. „Das verbessert die Situation in diesem Winter deutlich“, sagt INES-Chef Heinermann, schränkt dann aber ein: „Auf das Winterhalbjahr entfallen ungefähr zwei Drittel des Jahresverbrauchs. Das ist mehr, als in den Gasspeichern gelagert werden kann.“ In Zahlen: Die 42 unterirdischen Depots hierzulande fassen Erdgas für knapp 257 Milliarden Kilowattstunden. Bei einem Monatsverbrauch von 105 Milliarden Kilowattstunden wie im Dezember 2022 reicht das für etwa zweieinhalb Monate, rechnet der Experte vor und erklärt: „Die Speicher sind als Puffer gedacht. Es ist deshalb weiterhin erforderlich, dass der Gasimport nicht abreißt.“

<picture> <source srcset="https://www.aktiv-online.de/fileadmin/_processed_/4/b/csm_aktiv_2023-1106-09ze_gasverbrauch_m_d_4cd491cced.png 708w" media="(min-width: 768px)" title="" /> <source srcset="https://www.aktiv-online.de/fileadmin/_processed_/4/b/csm_aktiv_2023-1106-09ze_gasverbrauch_m_d_4cd491cced.png 708w" title="" /> </picture>

 

Russland liefert nicht mehr – woher kommt jetzt eigentlich das Gas?

Das hat sich im vergangenen Jahr schlagartig geändert, wie die Grafik zeigt. Kam 2021 noch über die Hälfte des Gases per Pipeline aus Russland, sichern heute Norwegen, die Niederlande und Belgien die Versorgung. Professor Jochen Linßen, Energieexperte am Forschungszentrum Jülich, sagt: „In der Gaskrise hat sich Europa bewährt.“ Schnell sei mehr verflüssigtes Erdgas aus Übersee importiert worden. Und die Pipeline aus Norwegen arbeite mit maximaler Kapazität.

 

 

Braucht Deutschland genauso viel Erdgas wie früher? Oder kommen wir mit weniger aus?

„Deutschland spart beim Gas. Und das hält bisher an“, sagt Linßen. Anfang 2022 importierte die Bundesrepublik ungefähr 4,8 Milliarden Kilowattstunden Erdgas pro Tag, Ende November dieses Jahres waren es etwa 2,9 Milliarden. Haushalts- und Gewerbekunden haben laut Bundesnetzagentur in den ersten zehn Monaten dieses Jahres im Schnitt 19 Prozent weniger verbraucht als im Durchschnitt der Jahre 2018 bis 2021, die Industrie 20 Prozent. „Unternehmen sind auf andere Energieträger umgestiegen, auf Erdöl, Kohlee, Pellets, Biomasse oder LPG, also Autogas.“ Oder sie drosseln ihre Produktion. Da geht auch Wirtschaftsleistung verloren. So will der Chemiekonzern BASF in Ludwigshafen eine Anlage zur Produktion von Ammoniak für Dünger stilllegen.

 

<picture> <source srcset="https://www.aktiv-online.de/fileadmin/_processed_/8/3/csm_aktiv_2023-1106-09ze_gasimporte_m_d_ed0cf018c7.png 708w" media="(min-width: 768px)" title="" /> <source srcset="https://www.aktiv-online.de/fileadmin/_processed_/8/3/csm_aktiv_2023-1106-09ze_gasimporte_m_d_ed0cf018c7.png 708w" title="" /> </picture>

 

Es ist oft von den neuen Import-Terminals die Rede. Wie funktioniert das überhaupt mit dem LNG?

Riesige Tanker bringen das verflüssigte Erdgas (LNG) her. Damit die Schiffe große Mengen transportieren können, wird das Gas in mehreren Prozessschritten und unter Druck auf minus 162 Grad Celsius abgekühlt. Dadurch schnurrt sein Volumen auf ein Sechshundertstel zusammen, es wird flüssig und in die Tanks der Spezialschiffe gepumpt. Am Zielort wird das LNG vom Tanker in den Terminal befördert, der es wieder in Gas umwandelt und ins Leitungsnetz speist.

Die Technik hat einen Nachteil: Das Verflüssigen zu LNG verbraucht 10 bis 15 Prozent des Gases. Daher ist LNG meist teurer als Pipeline-Gas.

Was tragen die LNG-Terminals zur Gasversorgung bei? Und wie viele brauchen wir davon?

Über die schwimmenden LNG-Terminals in Wilhelmshaven, Brunsbüttel und Lubmin kommen derzeit 7 Prozent des Gases ins Land. Weitere Terminals sollen um die Jahreswende in Stade und Wilhelmshaven starten sowie 2024 in Mukran auf Rügen. Bei Redaktionsschluss war noch unklar, ob sich das Verfassungsgerichtsurteil zum Klimafonds auf deren Finanzierung auswirkt.

Alle sechs Terminals zusammen könnten bei Vollauslastung zwei Drittel der früheren Gasimporte aus Russland ersetzen. Umweltschutzverbände kritisieren das als überdimensioniert. Uniper-Experte Pett verteidigt die Pläne der Bundesregierung: „Wir brauchen bei der Kapazität Luft nach oben, damit wir in einem kalten Winter mehr Gas importieren können.“ Darüber hinaus liefere Deutschland Gas nach Tschechien, Österreich und in die Schweiz weiter. Auch deshalb seien die Kapazitäten nötig.

Wo kommt das verflüssigte Erdgas her? Und wie sicher ist die Versorgung damit?

Europas Hauptlieferanten von LNG sind die USA, Katar und Nigeria. Die Vereinigten Staaten haben bereits 2022 doppelt so viel LNG über den Atlantik verschifft. Und es wird noch mehr. Es entstehen neue Verflüssigungsanlagen, vor allem an der Ostküste. Das US-Amt für Energiestatistik (EIA) prognostizierte im November, dass sich die Exportkapazität der USA, Kanadas und Mexikos bis Ende 2027 gegenüber heute „mehr als verdoppeln“ wird.

Auch das wegen seines Umgangs mit den Menschenrechten kritisierte Emirat Katar will seine Produktionskapazität steigern, bis 2026 um über 60 Prozent. Von da an wird das Emirat die Bundesrepublik 15 Jahre lang mit einer kleineren Gasmenge beliefern. Deutsche Energieunternehmen verhandeln mit weiteren Staaten.

Einen Wermutstropfen gibt es beim Gas aus den USA: Das wird mit der umstrittenen Methode des Frackings gewonnen, also mit Druck und Chemikalien aus tiefen Gesteinsschichten gepresst.

 

 

Bei so viel Ökonomie – welche Rolle spielt das Wetter?

Das ist enorm wichtig. Wenn es sehr kalt wird, wie etwa im Winter 2010 mit Durchschnittstemperaturen von minus 1,5 Grad Celsius, schnellt der Gasverbrauch hoch. „Nordwesteuropa benötigt dann in der Größenordnung von etwa 300 Milliarden Kilowattstunden Erdgas mehr“, berichtet Uniper-Experte Pett. „Das ist ungefähr halb so viel, wie die Niederlande in einem ganzen Jahr verbrauchen!“ Auch deshalb sei die Installation von drei weiteren Terminals in Deutschland sinnvoll. Damit man in einem kalten Winter eine Unterversorgung verhindern könne.

Wird Gas bald wieder preiswert?

Nach den historischen Höchstständen im vergangenen Herbst ist der Gaspreis wieder kräftig gefallen. „Aber Gas bleibt teurer als vor der Krise“, erklärt Professor Linßen. „Denn LNG ist teurer als Pipeline-Gas und kann per Tanker an den Meistbietenden geliefert werden.“

Was kann ich als Verbraucher tun?

„Wir werden gut durch den Winter kommen, wenn wir es schaffen, beim Gasverbrauch weiterhin sparsam zu sein“, sagt Heinermann, Geschäftsführer der Speicherinitiative INES. Ratsam ist das auch, weil die im letzten Winter aufgelegte Gaspreisbremse zum Jahresende ausläuft. Bis dahin deckelt der Staat den Gaspreis für 80 Prozent des Verbrauchs eines Haushalts bei 12 Cent je Kilowattstunde.

Zwar liegen derzeit etwa 64 Prozent der Standardtarife örtlicher Gasversorger noch über diesem Wert, schreibt das Vergleichsportal Verivox. Aber: Beim günstigsten Angebot bekommen Neukunden die Kilowattstunde Gas aktuell für 8,4 Cent. „Wer den Gasversorger wechselt, kann deutlich bessere Preise erzielen.“ Und so beim Heizen des Eigenheims einige Hundert Euro sparen. Das ist mal eine Ansage!