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Immer neue Hürden für Deutschlands Export

München. Immer mehr Länder schotten ihre Märkte nach außen ab. Das bedroht Arbeitsplätze und Wohlstand – hierzulande und bei Handelspartnern. „De-Globalisierung macht uns ärmer“, betont Professorin Lisandra Flach vom Ifo-Institut. Die Außenhandelsexpertin verweist dazu auf eine aktuelle Studie der Münchner Wissenschaftler, erstellt für die Vereinigung der Bayerischen Wirtschaft. Wackelt das Geschäftsmodell der Exportnation Deutschland?

Klar ist: Wir leben wie kaum ein anderes Land vom Weltmarkt. Heute ist die Bundesrepublik nach China und den Vereinigten Staaten die drittgrößte Handelsnation der Welt. Im Jahr 2021 exportierte Deutschland Waren und Dienstleistungen im Wert von fast der Hälfte unserer gesamten Wirtschaftsleistung. Verkaufsschlager sind vor allem Industrieprodukte: Kraftwagen und Kraftwagenteile, Maschinen, chemische und pharmazeutische Erzeugnisse, Gummiwaren – und so fort.

Maschinenbauer melden sehr viele Handelsschranken

Gleichzeitig werden Zulieferungen aus dem Ausland hierzulande benötigt – Rohstoffe, Energie, Speicherchips oder Motoren. Viele Importgüter fließen also gleich wieder in Waren „made in Germany“ ein. Laut dem Statistischen Bundesamt leistet das Ausland heute einen größeren Beitrag zum deutschen Export als jedes einzelne Bundesland.

Das alles zeigt, wie sehr uns Hindernisse im weltweiten Warenaustausch zu schaffen machen würden. Und tatsächlich häufen sich derzeit die Schwierigkeiten: Allein der Maschinen- und Anlagenbau traf zuletzt bei rund 80 Prozent seiner Exporte international auf Hürden – von klassischen Zöllen bis hin zu staatlich subventionierten Konkurrenzprodukten. Das meldet der Branchenverband VDMA.

 

Fertigung heimzuholen wäre auch keine Lösung

Handelshemmnisse, Nachschubprobleme – wäre es da eine gute Idee, Auslandsproduktion nach Deutschland zurückzuholen? Eher nicht, urteilt Ifo-Expertin Flach. Denn ein solcher Schritt würde für uns schnell zu neuen Problemen führen: Die Vorteile der weltweiten Arbeitsteilung entfielen, zahlreiche deutsche Waren würden zu teuer, Absatzmärkte gingen verloren. „Die Folge wären enorme Einkommensverluste.“

In einer Studie für die Konrad-Adenauer-Stiftung von 2021 schätzen Flach und ihre Mitautoren, dass die Wirtschaftsleistung Deutschlands im Falle einer umfassenden Rückverlagerung hierhin um fast 10 Prozent sinken würde. Würde alle Produktion nur noch in Europa stattfinden, betrüge das Minus immer noch 4,2 Prozent.

Deutschland braucht mehr Globalisierung – nicht weniger

Sehr kostspielig für die heimische Wirtschaft wäre auch eine Abkopplung von China, unserem wichtigsten Partner beim Warenhandel: Ein solcher Schritt käme Deutschland knapp sechsmal so teuer wie der Brexit, zeigt die neue Ifo-Studie. 

„Eine Abkehr von China wäre sechsmal teurer als der Brexit“

Hauptverlierer eines Handelskrieges mit China wäre unsere Automobil-Industrie. Ihre Wertschöpfung würde um rund 8 Milliarden Euro schrumpfen, für den Maschinenbau haben die Experten ein Minus von ungefähr 5 Milliarden errechnet. Was also tun? Lisandra Flach rät: „Unternehmen sollten sich nicht ohne Not von wichtigen Handelspartnern abwenden. Sie sollten vielmehr parallel auf Vorleistungen aus anderen Ländern setzen, um einseitige Abhängigkeiten zu verringern, insbesondere von politisch unsicheren Staaten.“ Deutschland brauche also zusätzliche Liefer- und Absatzmärkte, betont Flach. „Das bedeutet dann nicht weniger, sondern mehr Globalisierung.“ 

 

 

Die EU setzt sich für freien Handel ein

 

Unsere Handelspolitik wird nicht in Berlin gemacht, sondern in Brüssel: Denn für dieses Thema ist die Europäische Union zuständig. Sie schließt für ihre 27 Mitglieder Abkommen mit sogenannten Drittstaaten ab, um den globalen Handel offen und fair zu gestalten. Heißt: möglichst ohne Zölle und andere Handelshemmnisse. Und da tut sich eine ganze Menge! Eine Auswahl:

  • Kanada: Das Abkommen Ceta wird seit 2017 vorläufig angewendet. Es ist von einem Dutzend EU-Staaten, darunter auch Deutschland, noch nicht ratifiziert worden. Den Gesetzentwurf dafür hat die Bundesregierung im Juli beschlossen.
  • Japan: Jefta ist seit 2019 in Kraft. Es ist das bisher größte Freihandelsabkommen der EU und schafft eine Freihandelszone mit 635 Millionen Einwohnern.
  • Singapur: Das EU-Abkommen mit dem winzigen Inselstaat ist seit 2019 in Kraft..
  • Vietnam: Das umfassende Freihandelsabkommen mit dem 100-Millionen-Einwohner-Staat in Asien ist seit 2020 in Kraft.
  • Neuseeland: Das neue Abkommen ist im Juni fertig geworden. Nach der Ratifizierung könnte der Handel mit dem kleinen Land um bis zu 30 Prozent steigen.
  • Indien: Nach jahrelangem Stillstand hat die EU im Juni die Verhandlungen wieder neu in Gang gesetzt. Beide Seiten hoffen, einen umfassenden Freihandelsvertrag schon bis Ende 2023 unterschriftsreif zu haben.